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In Fürth neu gegründete Gesellschaft soll die Kontakte vertiefen:

Bayerns Firmen entdecken den Iran

 

FÜRTH/TEHERAN (NZ). — 18 Dollar hieß eine Zeit lang die magische Zielmarke für ein Barrel Opec-Öl. Mit diesem Preis kalkuliert die iranische Regierung jedenfalls seit Jahren fest in ihrem Staatshaushalt. Zwischen Ende 1998, als ein Barrel Opec-Rohöl den Tiefststand von 9,13 Dollar erreicht hatte und dem Jahr 2000, als es sich der Zielmarke langsam näherte, hatten die Politiker in der Islamischen Republik auch allen Grund zum Zittern. Jetzt aber, wo das Opec-Öl auf einen Preis von aktuell 38 Dollar geklettert ist, hat das Land am Persischen Golf, das nach Saudi-Arabien über die weltweit zweitgrößten Öl- und Gasreserven verfügt, einen ordentlichen Überschuss in der Staatsbilanz.

Auch wenn ein Teil davon für die Schaffung neuer Arbeitsplätze gebraucht wird, bleibt doch genug, um die längst fälligen Investitionen in allen Bereichen von Industrie, Energiewesen und Infrastruktur vorzunehmen. Denn noch immer sind die Folgen des achtjährigen Krieges gegen den Irak spürbar. Allein in die petrochemischen Anlagen des Landes sollen bis 2005 rund elf Milliarden Dollar fließen. Großer Bedarf besteht auch bei Raffinerien und vor allem bei Ölförderanlagen.

Boom an der Börse

Dank des hohen Ölpreises erleben der Iran, aber auch die ohnehin sehr reichen Nachbarstaaten am Persischen Golf, derzeit einen Wirtschaftsboom. Allein die iranische Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um 6,5 Prozent. Der Börsenindex an der Teheraner Stock Exchange kletterte 2003 gar um 116 Prozent.

Zwar ist Deutschland seit Jahren der wichtigste Handelspartner für den Iran. Die Importe aus der Bundesrepublik lagen im Jahr 2002 bei 2,234 Milliarden € (Steigerungsrate: 16 Prozent). Bisher hatte der Freistaat daran allerdings einen überproportional kleinen Anteil. Nur 12 Prozent der Importe kamen aus Bayern. 2002 waren es 310 Millionen €, 2003 dann 323 Millionen €.

Doch dies soll sich in Zukunft gewaltig ändern, denn bayerische Unternehmer haben jetzt die großen Potenziale für sich entdeckt, die der iranische Markt mit seinen 70 Millionen Menschen bietet. Kürzlich hatte Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu eine Unternehmerreise nach Persien organisiert, an der 40 Vertreter bayerischer Firmen teilnahmen, davon fünf aus Mittelfranken.

Mit dabei war Peter Dinstühler, Vorstandschef der Nürnberger IS Industrial Services AG. Für ihn war es die erste Begegnung mit dem Iran. „Ich habe viel versprechende Kontakte geknüpft und hatte es mit hoch kompetenten Leuten zu tun, die genau wissen, was sie wollen“, schwärmt er. Und zeigt sich zuversichtlich, dass sich „da was ergeben wird“. Das Unternehmen plant Industrieanlagen und bietet Engineeringleistungen an. Im arabischen Raum ist es seit fünf Jahren aktiv.

Wolfgang Roth vom Erlanger Medizintechnik-Anbieter Erothitan Titanium Implants nutzte die Reise hingegen nur als „ein weiteres Sprungbrett in den Iran“. Er vertreibt dorthin bereits Produkte, konnte aber auch gleich zwei neue Partner gewinnen. Dabei sei er nicht nur am Export interessiert, sondern auch an Technologietransfer und einem Joint Venture, eventuell mit Fertigung vor Ort. Aus seinem Produktspektrum seien orthopädische Implantate, voll durchleuchtbare OP-Tische und Inkontinenzprodukte besonders gefragt, so der Vorstandsvorsitzende. In anderen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Libyen ist Erothitan ebenfalls stark engagiert. Saudi-Arabien habe Erothitan eingeladen, dort eine Implantatefertigung aufzubauen.

Auch die Unternehmensgruppe Hans Brochier (Nürnberg/Feldkirchen) verfügt bereits über Erfahrungen mit wirtschaftlichem Engagement im Iran. Alfons Absmeier, Geschäftsleitung Anlagenbau, berichtet, dass seine Firma seit zwei Jahren dort vertreten und gut im Geschäft sei. „Wir profitieren davon, dass der Iran bis zum Jahr 2006 alle öffentlichen Busse und möglichst viele Taxis auf den Betrieb mit Erdgas umstellen will.“ Gemeinsam mit einem österreichischen Partner ist Brochier dabei, einen Teil der Erdgastankstellen zu installieren.

Die längsten Erfahrungen mit dem Iran hatte in der Reisegruppe wohl Rolf Mack, kaufmännischer Leiter des Rother Kabelherstellers Bayka AG. Von 1965 bis 1991 war sein Unternehmen dort mit einem Joint Venture vertreten. Nach 13-jähriger Unterbrechung hat er die Reise genutzt, um einen Neuanfang zu wagen. „Wir versprechen uns wieder etwas vom iranischen Markt“, resümiert er zuversichtlich. Die Atmosphäre sei angenehm gewesen. Und: „Deutsche Firmen haben dort einfach einen guten Namen. Wir rennen offene Türen ein.“ Die Bayka AG sieht großes Potenzial für den Verkauf ihrer Spezialkabel für die Bahn- und Energietechnik sowie Farbgranulate für die Kunststoffindustrie.

Der Belebung der Handelsbeziehungen, aber auch dem Ausbau der kulturellen und wissenschaftlichen Kontakte soll auch die Bayerisch-Iranische Gesellschaft mit Sitz in Fürth dienen. Gestern Abend fand in der Kleeblattstadt die Gründungsversammlung statt. Initiator ist Reza Bonakdar vom gleichnamigen Fürther Teppichhaus. Vielfältige Kontakte zwischen Menschen, Unternehmen, Studenten und Künstlern beider Länder sollen entstehen.

Bayerische Unternehmen, die im Iran und in den arabischen Golfstaaten tätig werden wollen, sollten nicht nur an Industrie und Handel, sondern auch an den Tourismus denken. Laut einer Studie der Tourismus-Organisation WTTC hatten die Länder des Nahen Ostens in den vergangenen zehn Jahren weltweit mit 250 Prozent die höchsten Wachstumsraten. In der Golfregion entstehen neben dem jetzt schon boomenden Dubai, wo fast täglich neue Highlights aus dem Boden schießen, weitere große Tourismus-Zentren. Unter anderem planen die Nachbaremirate, aber auch Bahrain und Katar internationale Fremdenverkehrszentren. Im Iran will die am Persischen Golf gelegene Koralleninsel Kish eine Vorreiterrolle spielen. Beispielsweise errichtet dort eine internationale Investorengruppe unter deutscher Leitung bis 2009 für zwei Milliarden € ein Luxus-Ressort mit dem zweiten 7-Sterne-Hotel der Welt sowie Yachthäfen und Golfplätzen.

Auch mehrere Mittelfranken sind in der Freihandelszone Kish, wo Firmen zehn Jahre lang keine Steuern zahlen müssen, bereits tätig. Zwei Feuchtwanger und ein Weißenbronner sind bei Kishwood beschäftigt, wo Möbel und Küchen für den iranischen Markt nach streng deutschen Qualitätsstandards produziert werden. Seit zwei Jahren schon leitet der Weißenbronner Martin Bierlein dort die gesamte Produktion. Zur Arbeit zieht er auch ganz gerne mal seine zünftige Lederhose an. Und so bringt Bierlein schließlich auch ein Stück bayerischen Nationalstolz nach Kish und damit in den Iran.

STEPHANIE RUPP
30.7.2004

© NÜRNBERGER ZEITUNG

 

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